Die Entscheidung zu Entscheiden

In den letzten Wochen habe ich gleich mehrere Mails bekommen, die auf meine Ausbildung/Werdegang abzielten. Wenn man so einen kleinen Blog führt wie ich, dann sind ein paar Mails pro Monat schon ein guter Schnitt und gleich mehrere zum selben Thema schon eine große Sache . Lustigerweise kam es in den letzten Tagen auch ein paar mal im Gespräch mit Bekannten auf das Thema Werdegang.

Der Tenor ist aber überall derselbe: Es geht immer um Entscheidungen. Um große Entscheidungen. Ich habe offensichtlich einige Leser, die zur Schule gehen, also liegt es vielleicht auch an den bald wieder anstehenden Abschlussprüfungen. Oder aber am Frühling, an dem wir alle Veränderung wollen, Anpacken, Loslegen.

Ich will an dieser Stelle auch noch einmal betonen, dass ich mich hier auf Entscheidungen beschränke, die den eigenen Werdegang betreffen, nicht den einer Familie, eines Unternehmens oder Entscheidungen über Leben und Tod.

Wir alle haben ja so unsere Ängste, aber eine der großen gemeinsamen Ängste scheint die  Angst davor zu sein, eine falsche Entscheidung zu treffen. Ich könnte euch jetzt erzählen, was wir alle wissen: Wir und unsere Generation. Generation Y. (Btw: Guckt euch „Oh Boy“ an!). Wir haben ja ach so viele Möglichkeiten. Zu viele Möglichkeiten, wir können uns nicht entscheiden, so gut – zu gut – geht es uns. Wissen wir alle.
Ich glaube aber garnicht, dass es um die großartigen Möglichkeiten geht, die wir heute haben. Die riesige Auswahl, Globalisierung, dass wir im Vergleich zu unseren Eltern mit dem Selbstverständnis (auch die Mädels!) aufgewachsen sind „Ich werde mal, was mir entspricht und was ich kann“, vertikale Mobilität,… all das ist meiner Meinung nach nicht Ursache eines Problems. Ich glaube viel schlimmer ist die Angst vor falschen Entscheidungen. Als würden wir uns mit jeder Entscheidung auf ewig festlegen.

Ich möchte an diesem Punkt mal ganz offen meine Meinung sagen (wer mich persönlich kennt, hat das schon ganz oft gehört):

Es gibt keine falschen Entscheidungen!

Entscheidungen werden überbewertet. Klar gibt es Entscheidungen, die endgültig sind und welche, die ganz dramatische Auswirkungen haben, aber die meisten Entscheidungen sind doch am Ende halb so entscheidend, wie angenommen.

Wichtig ist, DASS wir entscheiden. Und um jetzt doch noch die Schuld in der Gesellschaft zu suchen: Die vielen Möglichkeiten wollen natürlich auch genutzt werden. Vor ein paar Jahren war mal ständig die Rede vom Fachidioten. Wo ist der eigentlich hin? Heute muss doch jeder so viel als möglich können, wissen, machen. Die Alleinerziehende Dreifach-Mama geht am besten Vollzeit arbeiten, im Job höchsten akademischen Ranges versteht sich, beschäftigt sich am Wochenende mit Politik und reist im Urlaub um die Welt und wenn ihr das alles nicht reicht, dann macht sie eben eine „FORTBILDUNG“ und ist dann nach einem Wochenende Fortbildung ungefähr das, für das andere sechs Jahre studiert haben. Nicht etwa, dass ich hier gerade über das Leid der Psychologen klage…
Zurück zum Punkt: Wir müssen uns entscheiden, faktisch können wir gar nicht alles sein und können. Nur das, das wir wollen. Wir sind jetzt wieder beim Thema Stärken & Prioritäten, ne?
Aber am Ende ist wichtig, DASS wir entschieden haben. Denn nur dann können wir lernen, mit den Konsequenzen zu leben (oder eben nicht). Egal, ob sie grandios sind, oder aber in eine Sackgasse geführt haben: Ich glaube nicht, dass irgendeine Entscheidung falsch oder nicht von irgendeinem Nutzen ist. („Umwege erhöhen die Ortskenntnis“ sagte Kurt Tucholsky) Eine Entscheidung ist nur das, was man nachher daraus macht. Und nachdem wir ja alle eine individuelle Persönlichkeit haben, machen wir sowieso ganz automatisch aus allem unser individuelles Ding. Das ist auch das einzige das zählt, denn nur so können wir auf Dauer glücklich sein – und erfolgreich. Oder?

Ich zitiere nicht gerne meinen Vater (Ich weiß auch garnicht, warum ich hier überhaupt Quellen angebe, der Zitierte liest es sowieso nicht), aber vor ein paar Wochen hat er einen sehr interessanten Gedanken ausgesprochen; er meinte, er versteht nicht, warum heute so getan wird, als würde die Berufswahl über das Leben entscheiden.

Sollte es nicht eigentlich umgekehrt sein?

Übrigens: Ich glaube auch Glücklichsein ist zumindest zu einem Teil eine Entscheidung. Dann nämlich, wenn wir etwas aus innbrünstiger Überzeugung entscheiden. Wenn wir nicht ständig hadern, zweifeln, Angst haben. Wenn wir uns nicht nur dafür entscheiden, was wir tun werden, sondern auch DASS WIR ENTSCHIEDEN HABEN und dass wir überdies entschieden haben, dass wir richtig entschieden haben.
Puh!

Ich wurde öfter gefragt, ob ich eine „kreative“ Ausbildung habe (oh Gott, Leute; guckt euch meine Graphik-Sünden und die bad-gecodete Ladezeit dieses Blogs an ). Wenn ihr denkt, ihr seid kreativ, ihr wollt das gerne machen und ihr könnt damit erfolgreich sein, dann macht sowas zum Beruf! NUR. NICHT. weil ihr einen schönen Blog seht und denkt: „Das will ich auch“. Ihr müsst das sehen und denken „Das kann ich besser, ich will das denen zeigen!“.

Mein Weg ist das nicht. Ich möchte Kreativität in meinen Beruf einbauen und nicht umgekehrt. Aber das ist auch nur meine Entscheidung. Eine Entscheidung.

Ich persönlich bewundere nicht den, der ein weitgereistes, gebildetes Allroundtalent ist, sondern den, der für seine Sache brennt und sein Ding durchzieht.

Ich möchte nicht gerne Menschen in ihren Entscheidungen beeinflussen. Deshalb machen sich meine Freunde gerne lustig, dass ich oft lange Analyse-Monologe halte und dann, wenn man gerade denkt „Stimmt. So. Mache ich.“, sage ich: „Aber es könnte natürlich auch genau das Gegenteil sein!“.
Was ich damit sagen will: Nehmt aus diesem Text, was ihr als richtig empfindet. Alles andere vergesst, das ist Mist, glaubt mir!

Was ich noch sagen wollte: Alles wird gut!

livera

Vera startete 2012 den Blog Livera. Sie ist als Psychologin im Personalbereich tätig, statt aber Seelen auszulesen, ist sie unterwegs, schreibt für Livera und andere Onlineformate, bastelt, läuft, näht, kombiniert, kocht und entdeckt sie. Ganz ohne Psychoanalyse, allerdings vielleicht doch mit etwas mehr "Wie fühlt sich das an?".

SHOWHIDE Comments (6)
  1. Das war ein sehr schöner Text! Und so richtig! Entscheidungen sind dafür da, dass sie getroffen werden. Und ich finde auch, dass man nicht überall gewesen sein muss und alles ausprobiert, um qualifiziert zu sein. Also ich bin voll deiner Meinung!
    Viele Grüße,
    Marina

    1. Echt, findest du? Finde der Film übertrifft den den Soundtrack, die Dialoge und „zwischen-den-Zeilen-Dinger“ sind so herrlich…

  2. Ich stimme dir zu. Viele Entscheidungen bauen sich wie ein Berg vor einem auf. Hat man dann entschieden, egal wie, sieht das Ganze auf einmal gar nicht mehr so wichtig aus. Und im schlimmsten Falle entscheidet man sich wieder um. Warum nicht? Den Job zum Beispiel kann man wechseln. Oder den Wohnort. Aber das kostet Mut. Und braucht ein gesundes Selbstbild. (Und für manches die finanziellen Möglichkeiten.) Aber auch da stimme ich dir zu, Entscheidungen zu treffen fühlt sich gut an, macht glücklich.
    Hab ein großartiges Wochenende und genieß die Sonne, liebste Grüße, Eva
    PS: Danke für den Filmtipp. Kannte ich tatsächlich noch nicht und hört sich super an.

  3. Lustigerweise habe ich mir gestern ähnliche Gedanken gemacht, als ich in einem Artikel gelesen habe, daß wir eine“Ausnahmegeneration“ sind. Deswegen nämlich, weil wir keinen Krieg erleben, und keinen Hunger leiden müssen. In solchen Situationen sind Entscheidungen natürlich schon LEBENS-wichtig. Mit diesem Gedanken bin ich eingeschlafen,und habe mir vorgenommen,etwas entspannter weiterzugehen. Und jetzt gehe ich zum Zumba! Oder wäre es besser, eine Runde an der frischen Luft zui joggen? Oder würde es mich mehr entspannen, in der Badewanne den Tag ausklingen zu lassen, …oder…???

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