LEDER NÄHEN – an einer Hülle für die Sonnenbrille


Zu kaum einem Thema (abgesehen von Schnittmustern) bekomme ich so viele Fragen, wie zum Leder-Nähen. Dabei wurde ich in letzter Zeit immer öfter gebeten, mal einen Basic-Artikel zum Thema zu schreiben. Ich bin keine Schneiderin, aber ich habe schon ziemlich viel mit Leder probiert und genäht (und verhauen). Meine Erfahrungen will ich heute mit euch teilen und euch an einem Beispiel zeigen, wie man es ganz einfach hinbekommt: Ich habe als Geburtstagsgeschenk eine Lederhülle für die Sonnenbrille genäht. Das bekommt jeder hin!

Als „größeres“ und dennoch einfaches Projekt eignet sich z.B. diese Tasche hier (hui, beim Googeln nach dem Artikel habe ich gerade bemerkt, wieviele Ledertaschen ich schon gepostet habe…).



Das Ledernähen beginnt beim Materialkauf und  dazu werde ich oft gefragt, ob ich eine gute Quelle kenne.

  • Ich lebe jetzt schon seit etwa 5 Jahren in Österreich, dementsprechend kenne ich vorwiegend hier Verkäufer. Etwa hier und hier (ersterer versendet auch).
  • Für kleinere Projekte wie dieses hier kann man sich ganz günstig Reste-Pakete bestellen, etwa bei Amazon oder Ebay.
  • Generell empfehle ich Lederhändler. Auch wenn man erwarten möchte, dass es hier am teuersten wird, fallen oft Reste an, die günstig verkauft werden. Die Reste bei meinem Lederhändler sind aber nicht etwa Bastel-Reste, sondern meist um 1m^2. groß und unter Umständen von wirklich guter Qualität. Aber auch mit Ausschuss-Leder kann man schöne Sachen machen.
  • Eine weitere Möglichkeit, wie ich schon oft günstig an gutes Leder gekommen bin, sind Handwerks-Märkte, die saisonal stattfinden.
  • Kunstleder lässt sich leichter verarbeiten, es hat allerdings andere Eigenschaften (meist nicht so fest und in sich stabil) und ist natürlich nicht so schön.

Aber Leder ist nicht gleich Leder. Es gibt ein paar Dinge, auf die man beim Kauf achten sollte.

Vor allem sollte die Dicke des Leders gleichmäßig sein. Leder, das an manchen Stellen dicker als an anderen ist, lässt sich nicht gut verarbeiten – deshalb wird es oft aussortiert und dann günstig verkauft. Außerdem ist Leder, dass sehr steif ist unter Umständen schwerer zu verarbeiten, weil die Maschine durch sehr festes Material stechen muss. Die Nähte werden dann oft zu eng; ein Stich folgt in zu kurzem Abstand auf den anderen. Das sieht nicht schön aus, außerdem leidet die Stabilität: Der Faden reisst schneller unter dem hohen Druck.

Gerade mit der Haushaltsnähmaschine ist noch sehr wichtig, dass das Leder generell nicht zu dick ist. Überlegt euch gut, wieviele Schichten ihr unter das Füßchen kriegen müsst für euer Projekt.

Allerdings darf das Material natürlich auch nicht zu dünn sein, weil es sich sonst verzieht. Dabei kommt es allerdings nicht nur auf die Dicke an sich an. Wenn ihr Leder kauft, nehmt das Material also immer ausführlich in die Hände. Ob ein Leder weich ist, spürt man schon an der Oberfläche und der Beweglichkeit. Zieht das Material auch ein bisschen auseinander um zu sehen, ob es sich beim Nähen sehr verziehen wird. Für manche Projekte ist das noch nichtmal so schlimm, meist stört es aber das Bild nachher. Plant außerdem in der Menge immer ein kleines Probestück ein. Als Naturprodukt ist jedes Leder anders zu verarbeiten und ein paar Probestiche sind immer hilfreich!

 

Was braucht man noch?

Eine Ledernadel!!! Lasst euch entsprechend dem Leder beraten, wenn ihr unsicher seid. Aus der Not heraus habe ich manchmal schon mit anderen Nadeln (etwa einer Jeansnadel) genäht. Unter Umständen funktioniert das auch, für die ersten Versuche ist das Risiko aber zu groß, dass man nachher verzweifelt. Eine Ersatznadel ist natürlich auch nie verkehrt .

Außerdem solltet ihr speziell reißfestes Garn benutzen. Auch das mache ich nicht immer, weil ich für kleine Projekte wie etwa diese Hülle nicht immer extra Garn kaufen gehe. Je fester das Leder ist, desto größer ist aber die Gefahr, dass der Faden unter der Spannung reißt. Zudem steht der Faden bei Leder auch beim fertigen Produkt unter größerer Belastung und es wäre einfach zu schade, wenn sich eine gerade fertiggestellte Tasche gleich wieder auflöst…

Zum Schneiden von Leder benutze ich immer einen Cutter auf einem Schneidebrett. Das funktioniert wirklich ideal! Auch mit der Stoffschere geht das sehr gut – nur nicht sehr lange, denn die Schere wird ganz schnell stumpf dabei. Dazu kommt, dass mit Cutter und Lineal einfach kerzengerade Linien rauskommen und das ist beim Leder nunmal auch sehr wichtig.

Zum Anzeichnen eignet sich Kreide, oder – peinlicher DIY-Tipp von mir – aussortierte Schminkstifte wie Kajal oder Lippenkonturenstift. Die sind nämlich so schön weich, dass sie auf beiden Seiten des Leders schön angehen und sichtbar sind – und lassen sich trotzdem leicht auswaschen. Im Prinzip kann man natürlich auch etwa Kugelschreiber benutzen – wenn man ihn nachher nicht sieht.

Und zu guter Letzt… die Nähmaschine. Weil ich immer gefragt werde: Ich nähe auf der PFAFF 285. Kein Hexenwerk also, aber eine solide Maschine, an der noch mehr Metall als Plastik ist. Ich bin der „Einfach-Machen-Typ“ und hab schon auf jeder Nähmaschine, die ich hatte, Leder genäht – auch auf den billigen. Es kommt einfach darauf an, dass man seine Maschine ein bisschen kennt, gutes Material hat und vor allem ausprobiert. Wenn ihr eine PFAFF oder Singer habt, bin ich fast sicher, dass ihr auf jedem Modell Leder verarbeiten könnt!

Wenn ihr noch überlegt, welche Haushaltsnähmaschine ihr kaufen wollt: Ich rate generell immer Zu PFAFF, weil ich einfach die besten Erfahrungen damit habe. Singer gehört zum selben Unternehmen und ich habe bisher nur Gutes darüber gehört. Wenn man eine Nähmaschine im unteren Preissegment sucht, lohnt es sich gebraucht zu kaufen. Selbst wenn es einen Defekt gibt, kostet es meist nicht viel, die Maschine herrichten zu lassen. Die alten Maschinen sind aus Metall und sehr robust. Ich finde es besser, nur wenige Funktionen zu haben, wenn dafür alles rund läuft. Gerade beim Nähen mit Leder sind Zierstiche usw. ohnehin unnötig.

 

Ich habe das im eBook schon deutlich betont: Ein bisschen Vorbereitung hilft sehr.

Für große Projekte braucht man einfach Platz. Das Leder lässt sich nun mal nicht zusammenfalten wie Jersey und  da man nicht so gut feststecken kann, ist es wichtig, dass die Zuschnitte immer genau aufeinander liegen; deshalb also am besten den Küchentisch (oder falls vorhanden großen Schreibtisch) nutzen. Die Nähmaschine sollte möglichst frei stehen, damit nichts verrutscht oder vom Gewicht des Leders aus der Bahn gezogen wird. Ich lege außerdem immer alles bereit, weil man ja doch relativ viel braucht – macht es einfach effizienter. Wichtig ist: Schritt für Schritt. Bei Bekleidungsstoffen mag es nicht so ausschlaggebend sein, ob die Reihenfolge mal vertauscht wurde, bei Leder ist das wirklich blöd. Außerdem lassen sich Nähte kaum wieder auflösen, weil man dann meist die Stiche sieht. Ihr kennt das vielleicht, wenn man während dem Nähen eine super Idee hat, die am Ende nicht ganz fertig gedacht ist – bei Leder kann das ärgerlich werden.

Es ist deshalb wichtig, dass die Schnitte möglichst einfach sind (wenig Nähte, gerade Nähte, wenig aufeinandertreffende Nähte). Und am Ende heißt es trotzdem: Üben, Probe nähen.

Normalerweise braucht ihr ohnehin nur den Geradstich. Bei komplizierteren Stichen verhakt sich schnell mal die Nadel im Leder und Zierstiche der Haushaltsmaschine werden nicht so aussehen, wie sie das auf einem schönen Baumwollstoff tun. Allerdings kann es gerade bei Taschen vorkommen, dass man mehrere Lederlagen aufeinander nähen muss. Das sollte man unbedingt vorher ausprobieren! Genauso wie ein paar Nähte vor- und rückwärts zum Vernähen.

Generell empfehle ich einen möglichst großen Stich zu wählen. Unter der hohen Spannung schneidet sich der Faden sonst schnell ins Leder und die Naht wird hässlich bzw. zieht sie sich so zusammen, dass die „Stichfrequenz“ zu hoch wird: Die Maschine näht einfach zu viele Stiche auf eine zu kurze Strecke. Die Naht wird folglich hässlich und steht unter zu hoher Spannung. Für dickes Leder verwende ich fast immer den größten Stich meiner Maschine. Deshalb stelle ich die Oberfadenspannung auch ein (klein!) wenig niedriger als normal.

An Stellen, die nicht sichtbar sind und später besonders strapaziert werden, nähe ich oft mehrmals drüber – falls ein Faden reißt, halten ihn dann noch mindestens ein zweiter fest.

Außerdem stelle ich das Füßchen oft ein bisschen höher. Gerade bei mehreren Lagen drückt es sonst zu fest auf das Material und ich habe das Gefühl, das Leder verzieht sich.

Das Transportsystem transportiert das Leder oft nicht so gut wie Stoff. Deshalb muss man es immer selbst ein bisschen schieben. Außerdem kann man dünnes Papier (Seidenpapier, SM-Papier,…) auf das Leder legen, das wirkt oft Wunder. Das braucht natürlich ein klein wenig Übung und man muss darauf achten, dass man nicht verrutscht – was gerade durch das Gewicht schnell passiert. Deshalb: Alles immer ordentlich vorbereiten und hinlegen. Ich rolle dabei sehr oft den Teil rechts des Füßchens ein, sodass ich das Leder zwischen Daumen und Zeigefinder liegen habe. So kann ich das Leder gut festhalten, es geht nicht im Weg um und die beiden Finger sind frei, um das Leder unter dem Füßchen zu halten bzw. zu schieben.

Es heißt, man könne Leder nicht bügeln… Ich mache es trotzdem. Natürlich ohne Dampf und durch den Schutz von Backpapier. Ich lege es einfach auf des Leder und bügel auf mittlerer Temperatur vorsichtig drüber. Das funktioniert wirklich toll!

Ja… und am Besten noch fixieren. Das ist die Herausforderung am Leder. Ich stecke oft ganz normal mit Stecknadeln fest. Wenn man mit einer dicken Nähnadel einmal durch das Leder sticht, sieht man auch gleich, ob die Löcher nachher sichtbar sind – ansonsten kann man auch mal Feststecken. Bei sehr dickem Leder, bei dem die rauhen Seiten aufeinander genäht werden, kann man die Nadeln auch nur durch den rauen Teil schieben, sodass die oberste, glatte Hautschicht unberührt und unversehrt bleibt. Mit Wäscheklammern und Büroklammern kann man auch zusammenstecken – allerdings nur, wenn es nicht 100% genau geht, denn das verrutscht schnell auch mal. Dann bleibt natürlich die Möglichkeit zu kleben: Einfach mit Malerkrepp die Kanten zusammenkleben und das Klebeband nach dem Nähen lösen. Franses Lederverkäuferin hatte übrigens auch noch die Idee, doppelseitiges Klebeband zu benutzen – das hab ich allerdings noch nicht ausprobiert…

Muss man dafür sehr erfahren im Nähen sein?

Nein. Natürlich sollte man schon einmal etwas genäht haben. Vor allem aber sollte man offen sein, Zeit zu investieren und auszuprobieren. Fehler passieren meist, wenn man voreilig oder hektisch wird. Wie man so schön sagt: Übung macht den Meister. Selbst das schützt aber nicht vor Fehlern, die man in der Eile oder wenn man eigentlich nur noch arbeitet, um fertig zu werden. Prinzipiell muss man technisch nur geradeaus nähen können für diese Tasche. Was die Kunst ausmacht ist, dass man Leder und Maschine kennt und weiß, welche Einstellungen, welche Nadel und welches Garn man verwendet. Dafür gibt es keine Patentlösung, da hilft nur an einem Teststück verschiedene Einstellungen herauszufinden.

Das Wichtigste ist (wie bei allem!) die richtige Nadel. Am Besten versucht man auch mehrere Stärken und hat immer eine Ersatznadel! Gerade beim Vernähen/Rückwärtsnähen oder wenn man das Leder versehentlich schneller zieht als das Transportsystem, bricht schnell mal eine Nadel.

An besonders dicken Stellen, an denen ich für wenige cm über viele Lederschichten nähen muss (oder das Leder Unregelmäßigkeiten hat) und befürchte, die Nadel könnte stecken bleiben oder brechen, gehe ich mit dem Fuß vom Nähmaschinenpedal und steuere einige Stiche per Hand über das Rad an der rechten Seite. Das dauert dann natürlich ein paar Sekunden länger, allerdings kann man die Nadel vorsichtig ins Leder einstechen und es ist nicht längst zu spät, bevor man überhaupt bemerkt, dass die Maschine überfordert ist.

Für die Sonnenbrillen-Hülle…

… habe ich zwei Lederzuschnitte gemacht: Einmal 7x16cm und einmal 7x22cm. Die Ecken habe ich abgerundet.

An das kleinere Lederstück habe ich den Bildern entsprechend die eine Hälfte des Druckverschlusses angebracht (Das ist das System, dass man mit dem Hammer anbringt).

Danach habe ich die Teile aufeinander gelegt und einmal außenrum genäht. Die Lasche, die dadurch entsteht, hat noch die obere Hälfte des Druckverschlusses bekommen und fertig ist ein Rucki-Zucki-Lederprojekt .

 

Und zum Schluss?
Wünsche ich viel Spaß beim Nähen! Das ist es nämlich, worum es geht. Und zwischen allem Perfektionismus, Ich-mach-das-heute-fertig-Denken und den Fehlern, die nun mal einfach passieren, geht immer mal was schief, läuft nicht, wie man möchte oder will einfach nicht schön werden. Dann heißt es: Durchatmen, den Kram in die Ecke werfen und etwas tun, das in dem Moment mehr Spaß macht. Mit ein bisschen Abstand geht es dann auch wieder ganz flüssig weiter.
Und noch etwas: Nicht verzweifeln, es liegt niemals daran, dass du das nicht kannst! Nähen macht Spaß, mit Leder arbeiten macht Spaß und die perfekte Tasche FERTIG genäht zu haben macht am allermeisten Spaß!

Danke Johannes für die Foto-Assistenz!

livera

Vera startete 2012 den Blog Livera. Sie ist als Psychologin im Personalbereich tätig, statt aber Seelen auszulesen, ist sie unterwegs, schreibt für Livera und andere Onlineformate, bastelt, läuft, näht, kombiniert, kocht und entdeckt sie. Ganz ohne Psychoanalyse, allerdings vielleicht doch mit etwas mehr "Wie fühlt sich das an?".

SHOWHIDE Comments (2)
  1. Ach Vera! Du öffnest mir das ein oder andere Auge mit diesem super Post. Mit dem Cutter statt der Schere, das hätte mir so manchen ärger erspart! Ich glaube ich traue mit trotz all der tollen Worte hier nicht. Wobei der Lederhändler hier wirklich, wirklich gut ist und so unheimlich viele große Reststücke hat. Wer weiß? So ein kleines Täschchen ist bestimmt gleich weniger schwer zu zuschneiden als ein großes.

    Hab ein wundervolles Wochenende!

    1. Ja das tut mir leid, das du so blöde Erfahrungen gemacht hast… Ich denke immer, meine Maschine näht nichts so toll wie Leder. Ich liebe es einfach, dass man mit diesem Material so exakt arbeiten kann und dass immer das rauskommt, was man geplant hat. Ein bisschen wie beim Handwerken mit Holz.
      Gib nicht auf! Du wirst sehen wenn das Material und die Planung Stimmen, klappt das! Kein Projekt ist zu groß

      LG vera

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