Warum wir unser Bauchgefühl in Sexismusfragen nicht verstehen müssen

Sexismus

 

Die letzten Tagen tauchten in meinen Gesprächen immer wieder ähnliche Fragen auf: Wieviel Freiheit ist einem als Frau überhaupt möglich? Womit muss man sich abfinden, wo muss man drüber stehen, wann muss man sich wehren, wann ist es zu spät und wann hört das auf? Eine Sache, mit der wir uns meiner Meinung nach in der Sexismus-Debatte abfinden müssen, ist die Tatsache, dass wir nicht verstehen können und müssen. Ich will das mal erklären.

 

Ich habe eine Weile überlegt, ob ich diese Gedanken hier teilen möchte, denn Livera soll eigentlich ein Ort mit positiven Inhalten sein. Ich bin allerdings so müde, dass mir meine To Do Liste Angst einjagt und ich froh bin, wenn ich die Hälfte davon heute schaffe, da lasse ich die Blogplanung mal außen vor. Heute Nacht musste ich einen riesigen Umweg nach Hause laufen, weil wir von ein paar Typen direkt vor meiner Haustür belästigt wurden, als ich um kurz nach drei eine Freundin zum Bus brachte. Sie bat mich, einen anderen Weg alleine zurückzunehmen. Nachdem diese Kerle da noch rumhingen, rief ich meinen Bruder an, der mir mit Technobass im Hintergrund erzählte, dass ihm ein Mädchen auf dem Weg zum Club großräumig auswich, weil sie offensichtlich Angst vor ihm hatte. Die andere Seite der Medaille. Noch wenige Stunden zuvor hauchte mir an der Ampel ein anderer schlacksiger Typ seinen Zigarettenatem ins Gesicht und grinste mich schief an. Ob er wohl mehr oder weniger gegrinst hätte, wäre ich gleich ausgewichen? Kurz darauf nahm ich mit einer Freundin in der S-Bahn Abstand von einem Obdachlosen, der versuchte, uns in seinen Araber-Hass zu verwickeln und stieg dabei einem Typen auf die Füße, der trotz vergleichsweise leerer Bahn auf Tuchfühlung mit mir war. Zum Aussteigen bereit standen wir zwischen den Türen, wo uns zwei junge Typen anmachten. An diesem Tag ging das irgendwie so weiter. Ihr kennt diese Tage vielleicht. Der Punkt ist: Das besondere ist nicht, dass einem diese Dinge passieren, sondern dass man sie bewusst wahrnimmt. Wir sind so darauf trainiert, zu ignorieren, dass wir unserem eigenen Bauchgefühl nicht mehr trauen können, wenn wir in ungute Situationen geraten. Been there, done that. Ich war auch schon in Situationen, in denen ich unangenehme Berührungen und unmoralische Angebote mit Erpressungscharakter durch einen meiner Uniprofessoren als meine Schuld deutete. War vielleicht auch einfach nicht so gemeint. Vielleicht habe ich falsche Signale gesendet oder er ist einfach so ein Typ. Bullshit!

Natürlich ist nicht jeder Tag im Leben einer Frau so vollgepackt von diesen unangenehmen Ereignissen. Tatsächlich ist es aber Alltag, als Frau ständig auf die Tatsache reduziert zu werden, weiblich zu sein. Die Facetten von Sexismus sind trotzdem weit gestreut. Von doofen Sprüchen, über Qualifikations-Annahmen, unnötigem Zuvorkommen und zwei- oder eindeutigen Anspielungen über widerliche Gesten, Berührungen, Beleidigungen und expliziten Angeboten und Reduzierungen bis hin zu Gewalt, körperlichen „Verwickelungen“, ernsthaften Einschränkungen, Fotografiert-Werden, Bedrängt oder gar gezwungen werden, erlebt und wertet man diese Situationen sehr individuell.  JEDER dieser Punkte ist quasi jeder Frau in meinem Umfeld schon passiert. Während ich auf der einen Seite Freundinnen habe, die ernsthafte Schäden durch solche Situationen haben (ich lasse das Thema Vergewaltigung und den schmalen Grad dorthin an dieser Stelle absolut außen vor und unkommentiert), treffe ich auch immer wieder Frauen, denen all das fremd ist. Die entweder auf Wolken aus verschiedenen Gegebenheiten durchs Leben schweben oder den pfeifenden LKW-Fahrern eindeutige Signale zurückschicken (danke dafür!). Ich bin auch definitiv dagegen, all das unter die Kategorie „Vergewaltigung“ zu packen, aber es sind nichts desto trotz Einschränkungen und nachhaltige Demütigungen, die Schuldgefühle und dieses Gefühl, dreckig zu sein, auslösen und mitunter gefährlich sein können.  Das ist den meisten Männern nicht bewusst und was den meisten Typen ebenfalls nicht bewusst ist (selbst in einem Umfeld wie meinem, in dem Gleichberechtigung und Aufklärung wichtige Standards sind) ist die Tatsache, dass man als Mann diese Demütigungen nicht nachvollziehen kann. Genauso, wie ich umgekehrt als Frau so manche Demütigung für einen Mann nicht nachvollziehen kann. Es gibt Dinge, die kann man nicht verstehen.

 

Wir müssen nicht verstehen

 

Die Geschlechter sind nicht so verschieden, wie man gerne tut. Frauen haben nicht automatisch den besseren Überblick im Supermarkt und Männer auf dem Bankkonto. ABER. Diese Gleichmacherei hat für mich Grenzen, die unglaublich wichtig sind. Männer sind großartig, versteht mich nicht falsch! Männer sind aber in manchen Situationen von anderen Intentionen geleitet als Frauen und sie fühlen sich in anderen Belangen in ihrem Stolz verletzt, als Frauen. Ich kann in vielen Situationen nicht verstehen, welche Intention hinter so mancher Handlung steht. Manchmal verstehe ich es auch einfach viel zu spät, manche Dinge lernt man nie. Ich muss das akzeptieren, das Nicht-Verstehen hinnehmen und meine Position umso klarer machen. Man muss aber auch ein „Nein“ (egal wie explizit) nicht verstehen oder hinterfragen, man muss es akzeptieren. Man muss keine Distanzzonen verstehen, man muss sie einhalten. Und man muss und man kann gerade als Mann oft nicht verstehen, warum manche Situationen überhaupt so schlimm sind für Frauen. Akzeptieren und respektieren sollte man das trotzdem. Das Allerwichtigste ist wahrscheinlich aber, dass wir Frauen unser Bauchgefühl nicht verstehen müssen. Wir sollten es aber unbedingt ernst nehmen.

Es ist mir bewusst, dass dieser Artikel zu einem Zeitpunkt kommt, in dem die Sexismusdebatte deutlich abgeflaut ist. Ich habe es wirklich satt, dass uns große (Online)Magazine in jeder Debatte um diese Themen irgendwann erklären, dass man ja eigentlich nur mal als Frau sein Leben in den Griff kriegen und den #Aufschrei nicht zum Elefanten machen sollte. Ich  finde auch, dass die meisten Diskussionen falsch geführt wurden und sich zu viel vermischt hat, was darin nichts zu suchen hatte. Nicht selten durch Leute, die nicht verstehen. Und aber denken, zu wissen was es bedeutet. Ersteres ist nicht schlimm, zweiteres zerstört jede Diskussion und lässt uns Debatten beenden anstatt sie mit den richtigen und wichtigen Inhalten und Themen zu führen.

Unser Bauchgefühl lügt nicht, lasst uns das nicht vergessen!

 

Livera

 

Anmerkung: Mir ist natürlich bewusst, dass Sexismus auch Männer betrifft und ich bekomme schließlich auch Nachrichten von männlichen Livera-Lesern. Als Frau beschränke ich mich in diesem Artikel jetzt auf Frauen, die meisten meiner Meinungen in diesen Zeilen treffen aber umgekehrt ganz genauso zu.

livera

Vera startete 2012 den Blog Livera. Sie ist Psychologin, statt aber die Seelen anderer Menschen auszulesen, ist sie unterwegs, schreibt, bastelt, läuft, näht, kombiniert, kocht und entdeckt sie. Ganz ohne Psychoanalyse, allerdings vielleicht doch mit etwas mehr "Wie fühlt sich das an?".

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